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Flashmob „Pflege am Boden“ in Kitzingen

Flashmob "Pflege am Boden" auf dem Kitzinger Marktplatz
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Kitzingen Samstag 17.11.2013 11:55: Auf dem Marktplatz in Kitzingen versammeln sich plötzlich Menschen mit Isoliermatten und legen sich auf den kalten Boden. Überrascht hat es einige Kitzinger vielleicht nicht mehr, denn es ist der zweite Flashmob in Kitzingen gegen den Pflegenotstand. Menschen, die sich vorher vielleicht nie gesehen haben, demonstrieren gemeinsam und nur ganz kurz. Sie haben über das Sozialnetzwerk Facebook oder andere Kanäle von dieser Aktion erfahren. Denn so funktioniert ein Flashmob. Es war wohl eine der erfolgreichsten Versammlungen in Deutschland, betrachtet man die Anzahl der beteiligten Personen in Relation zur Kitzingens Einwohnerzahl. 43 folgten in Kitzingen dem bundesweiten Aufruf der Facebookgruppe Pflegeamboden und des Sozialpolitischen Forums. Mein Kitzignen.de hat dazu den Organisator Markus Oppel befragt. Der 30 jährige ist examinierter Krankenpfleger und weiß wovon  er spricht.

Mein Kitzingen.de: Wie sind Sie auf die Idee gekommen einen Flashmob in Kitzingen zu veranstalten? Eigentlich macht man so was in größeren Städten

Markus Oppel: Die Aktion fand ja bereits im Oktober schon einmal statt. Weil ich Dienst hatte konnte ich leider nicht dabei sein. Ich wurde von anderen Pflegekräften via Facebook dazu angeregt die Organisation eines weiteren Flashmobs in Kitzingen zu übernehmen. Mit 43 Teilnehmern sind wir ganz nahe an große Städte wie Dortmund (80 Teilnehmer) oder Berlin (150 Teilnehmer) rangekommen!

Mein Kitzingen.de: Das mit der Teilnehmerzahl ist für Kitzingen toll, aber für die großen Städte eher bescheiden. Da kann man wirklich erkennen, dass dieses Thema den meisten Menschen ziemlich egal ist. Glauben Sie, dass das mit den Aktionen besser wird?

Markus Oppel: Diese Aktionen sind nur der Auftakt!!! Die Pflege – und deren Probleme – müssen durch häufige Konfrontation mit dem Thema in das Bewusstsein der Bevölkerung und der Politik gebracht werden!

Mein Kitzingen.de: Sie sind ja selbst in einem Krankenhaus beschäftigt, war das in erster Linie der Grund für Ihre Unzufriedenheit mit der „Pflege“, oder gibt es auch andere Gründe?

Markus Oppel: Die Situation in der Pflege verschärft sich massiv, unabhängig davon, ob es sich um ein Krankenhaus, eine Langzeitpflegeeinrichtung oder Ambulante Pflege handelt. Und das in immer schnellerem Tempo! Auch die Klinik in der ich arbeite ist da keine Oase. Es geht überall nicht mehr um den Patienten, obwohl es in Pflegeleitbildern steht, sondern um Zahlen, Zahlen, Zahlen…

Mein Kitzingen: Können Sie mir anhand eines Beispiels erklären, wie das konkret aussieht?

Markus Oppel: Ich arbeite schon lange in verschiedenen Bereichen der Pflege wie: Praktika, Ferienjobs, als 630 DM Aushilfe, Ausbildung, Intensivstation, Pflegeheim, Arztpraxis, Ambulante Intensivpflege, Krankenhaus Normalstation. Es wird überall immer schwieriger eine ausreichende Pflege zu gewährleisten. Von Guter Pflege sind wir ganz weit entfernt aber das will der Staat auch nicht, ihm reicht eine Ausreichende Versorgung. Im § 5 Sozialgesetzbuch steht: „… über die Gewähr für eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche Versorgung … “

Mein Kitzingen.de: Haben die „Aktivisten“ konkrete Vorschläge zur Verbesserung?

Markus Oppel: Natürlich haben wir viele Ideen. Aber als erstes gilt es den aktuellen Notstand zu beenden und den kontinuierlichen Stellenabbau, wie das immer schnellere „Durchschleusen der Patienten“. Da es kaum im Kleinen (Träger, Länder, Private Investoren) funktionieren wird, wäre die Beste Lösung meiner Meinung nach, eine gesetzlich vorgeschriebene Mindestpersonalquote an die sich alle halten müssten.

Mein Kitzingen.de: Die unterschiedlichen Ideen der Regierung waren ja nicht gerade zielführend. Gibt es irgendein Modell, das Sie zurzeit unterstützen würden?

Markus Oppel: Nein. Aktuell hat keine Partei hat eine gute Lösung im Angebot. Leider!

Mein Kitzingen.de: Haben Sie eine Idee, warum es dafür keine Lobby gibt?

Markus Oppel: Ja. Gesundheitswesen ist ein Verlustbereich / Verlustgeschäft. Mit uns lässt sich kein Geld verdienen sondern wir sind ein Kostenfaktor. Außerdem kann sich ja jeder Politiker auf das Sozialgesetzbuch beziehen und sagen… „ausreichende Pflege schaffen wir ja“ – ausreichende Pflege heißt Umgangssprachlich in der Pflege – STILL SATT SAUBER – das kann man meistens gerade noch so gewährleisten. Aber individuelles und ganzheitliches Pflegen ist in Deutschland nicht möglich, obwohl es genau das ist was wir gelernt haben.

Mein Kitzingen.de: Gibt es auch Kritiker Ihrer Aktion? Was sagt Ihr Arbeitgeber?

Markus Oppel: Da ich ebenfalls gewerkschaftlich aktiv bin und auch beim letzten Tarifstreik dabei war, weiß mein Arbeitgeber schon, was er von mir zu halten hat. Ich bin mir sicher man hätte mich ,und alle anderen die sich heute ein Herz genommen haben und dabei waren,  lieber gerne als stromlinienförmige und gehorsame Pflegekräfte, die immer schön in ihrer Freizeit ans Telefon gehen, Urlaub verschieben und Krankheiten der Kollegen durch Zusatzschichten an ihren freien Tagen ausgleichen, aber das sind wir nicht. Und es werden langsam aber sicher mehr! Die Pflege ist kein Dienen mehr wie im Mittelalter z. B. bei den Nonnen – und so langsam wächst der Unmut in den Pflegebereichen, da oft noch so getan wird als wäre die Pflege und deren Kompetenz im Mittelalter stehen geblieben.

Mein Kitzingen.de: Wann findet die nächste Aktion statt?

Markus Oppel: Die nächste Aktion ist in Vorbereitung. Nur so viel sei verraten, wir haben keine Angst vor Nässe und Kälte – Pflegenotstand ist auch immer- wir werden nicht erst wieder im Sommer aktiv werden!

Mein Kitzingen.de: Waren heute denn die „Größen“ der Stadt dabei? Wer waren die Menschen, die heute daran teilgenommen haben?

Markus Oppel: Heute waren wir ausschließlich Pflegekräfte und einige andere Unterstützer unserer Forderungen. Aber ich bekam heute schon Signale aus der Kommunalpolitik, dass Interesse an unserer Aktion vorhanden ist.

Das Interview führte unsere Redakteurin Beate Kesper via Facebook Chat.

Weitere Informationen finden sie unter:

https://www.facebook.com/groups/pflegeamboden/?fref=ts

http://www.pflege-am-boden.de/

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Autor

Beate Kesper, Diplom Braumeisterin, studierte Brauerei- und Getränketechnologie in Berlin und München. Sie ist gelernte Brauerin und Mälzerin und über Umwege in ein “fachfremdes” Betätigungsfeld geraten: Sie ist Buchautorin, Bloggerin, Mitgründerin und Chefredakteurin der freien Onlinezeitung Mein Kitzingen.de. Seit 2012 ist sie Vorstandsvorsitzende der gemeinnützigen Stiftung für Erziehung, Bildung, Wissenschaft und Kultur (EBWK), die sich primär auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung engagiert. In Kitzingen hat sie die Psychosoziale-Beratungsstelle der EBWK ins Leben gerufen. Sie ist im Vorstand der Vereins 42e.V., der sich für politische Bildung in der neuen digitalen Gesellschaft einsetzt. Als engagierte Verfechterin für Bürgerrechte und Transparenz sieht sie es als fast logische Konsequenz eine freie Plattform für Bürger auf kommunaler Ebene zu schaffen. Kitzingen ist seit fast 12 Jahren ihre Wahlheimat, für die sie sich engagieren möchte.

2 Kommentare

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