Aus Kitzingen:

„Tanz mit mir“ – Integration ist eine Story mit tausend Nebengeschichten

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Am Samstagabend führte die „Landsmannschaft der Deutschen aus Russland“ den Film „Tanz mit mir“ im jungStil auf. Ein Film, in dem sich jeder mit Migrationshintergrund wiederfinden kann, weil er die Abwesenheit von Heimat sehr authentisch nachempfindet.

Filme mit Tanz und Liebe gibt es wie Sand am Meer. Schon 1934 kam aus den USA ein Streifen, der in Deutschland „Tanz mit mir“ hieß. Der Originaltitel davon war „The Gay Divorcee“ und spielte mit Fred Astaire und Ginger Rogers.
Doch nicht diesem uralten Streifen hauchte die Landsmannschaft neues Leben ein. Es wurde ein moderner Heimatfilm aufgeführt. Heimatfilm nicht deswegen, weil er in Kitzingen oder Würzburg spielt und auch nicht, weil er kitschig wäre – im Gegenteil. Der Film stellt mit seiner chaotischen, lebhaften und authentischen Erzählung die Frage, was Heimat überhaupt ist und was diese einem bedeutet – ohne auch nur einmal das Wort „Heimat“ oder „daheim“ zu verwenden.

Die Geschichte handelt von einer Familie von Deutschen aus Russland, die in Deutschland auch nicht so ganz zurechtkommt. Die Mutter wird dargestellt als nette Frau mittleren Alters, bei der nur noch Akzent und Grammatik verraten, dass sie in Russland geboren wurde. Sie pflegt ihre demente Mutter, die von Erinnerungen an Russland lebt und nicht mehr begreifen wird, dass sie in Deutschland ist. Der Vater hat sich unter dem kulturellen Druck von außen von der Familie getrennt und ist arbeitslos. Er versucht, das Beste aus der Situation zu machen und so viel Liebe wie nur möglich in seinen Sohn zu stecken. Doch der hat seinen ganz eigenen pubertären Kopf. Statt der elterlichen Vorgabe, Fußball zu spielen, versucht er, in einem Tanzstudio zu trainieren.

Und so gerät ein rotes paar Turnschuhe bzw. deren Karton und Einkaufstüte in dem Film zu einem Symbol für einen Bruch zwischen den Generationen selbst, denn der arbeitslose Vater hat diese für über 100 Euro für seinen Sohn gekauft. Doch der weist das Geschenk zurück, da ihn Fußball nicht mehr interessiert und er lieber in einem Tanzstudio seine Freizeit verbringt. Der gekränkte Vater, der nicht mal mehr das Geld für eine Busfahrt hat, entscheidet sich dann, nach Russland zurückzugehen. Ob Vater und Sohn sich davor noch einmal sehen, um sich zu verabschieden, lässt der Film am Ende offen. In der anschließenden Filmbesprechung – auch mit Jugendlichen, die einen Migrationshintergrund haben – wird klar, dass die Jugendlichen sich nicht nur im Film an eigenen Maßstäben orientieren. So spielt ein anwesender Jugendlicher gerne Konsolenspiele, was Frau Baumann, welche die Filmbesprechung moderiert nicht so sehr als eigenständiges Hobby ansehen will.

Die Kuckucksuhr ist ein weiteres interpretationswürdiges Detail im Film – denn, wie die Familienmutter selbst sagt, wurde sie in Russland als Deutsche gesehen und jetzt in Deutschland wird sie als Russin gesehen. So gehört sie weder in Deutschland zu den Deutschen noch zu der russischen Community und überbietet sich darin, deutscher als die Deutschen zu werden. Eben auch mit einer Kuckucksuhr. Mit dieser permanenten Selbstverleugnung erntet sie die Bockigkeit ihrer Mutter – zum Beispiel bei einem Frühstück. Denn Müsli kann nicht gesund sein, da das ihr verstorbener Mann schon nicht gegessen habe. So wird auch der Unterschied bei den Ernährungsgewohnheiten geschickt untergebracht.

Ihren Sohn treibt sie auf die Palme, weil sie nur gebrochenes Deutsch mit ihm spricht. Doch wie kann man mütterliche Emotionen wie Liebe seinem Kind in einer Sprache vermitteln, die man selbst erst in der zweiten Hälfte des Lebens erlernt hat? So bleibt die Mutter-Kind-Beziehung trotz der sichtbar brennenden Mutterliebe eher kalt. Deshalb tröstet sie sich darin, dass das eben notwendig sei – der Chancen des Kindes wegen.

Fast läuft der Film Gefahr, zu einem selbstbemitleidenden deutsch-russischen Tränentrog zu werden, aber der Sohn macht sein Glück: Er lernt im Tanzstudio ein Mädchen kennen und setzt alles daran, immer wieder vorbeizukommen. Dem Spott der eigenen Freunde zum Trotz. Die Tanzleistung verbessert sich sichtbar mit jeder Übung, auch wenn die Freunde mal zum Fenster reinglotzen und lachen.

Durch die Szenen im Tanzstudio kommen Elemente nahe an der Klassik in den Film. Dadurch, und durch den immer wieder eingestreuten Jugend-Hiphop in russischer und deutscher Sprache aus den Kopfhörern des Jugendlichen, wird die filmische Welt zusammengehalten. Auch wenn man glauben könnte, ein Film, der in einem Tanzstudio gedreht wurde, würde im Sinne von Schwanensee einseitig überlaufen, so lehrt dieser Film ganz deutlich, dass man auch relativ harte Wechsel von Hiphop in die Klassik nicht als Stilbruch empfindet. Nicht einmal der Hiphop wirkt irgendwie unangenehm, sondern stets angemessen.

Die Interpretation des Films ist schwierig – wie sich auch bei der Nachbesprechung zeigt. Man braucht einen soliden russisch-deutschen Hintergrund, um allen Pointen und Anmerkungen auf den Grund gehen zu können.

Aber auch als nicht-Deutscher aus Russland kann man sich einfühlen. Zumindest so weit, dass man nach ein paar Tagen des Nachdenkens über diesen sehr ausgefallenen Film sich zu fragen beginnt, was einem Heimat bedeutet:

Und damit ist weniger bis gar nicht so sehr der durch Kitsch, Gloria und Trachten überzeichnete Begriff von bayrisch-fränkischer Heimat gemeint. In so vielen kleinen verschlüsselten Geschichten wird klar, dass sich jeder mit Migrationshintergrund, egal ob nun Deutscher aus Russland oder italienischer Gastarbeitersohn im Film irgendwie wiederfindet, weil ein Mensch kein Gestrüpp ist, dass man einfach so von hier nach da „umtopfen“ könnte.

Und ein Film, der aufzeigt, wie wichtig kulturelle Identität für das Funktionieren einer Familie ist, der braucht nicht selbst in einer überzeichneten Heimat zu spielen und der braucht auch keine Darsteller die fränkeln oder Bayrisch sprechen, um ein Heimatfilm zu sein. „Tanz mit mir“ hat das Genre des angestaubten „Heimatfilms“ authentisch auf den Kopf gestellt.

Die Aufführung war trotzdessen eher mäßig besucht. Eine Gruppe Jugendliche, ein paar Kitzinger und die unmittelbar am Film Mitwirkenden waren anwesend. Zur Vorführung waren aus Baden-Württemberg Inna Diez (Regie), Viktor Eirich (Produzent), Viktor Scherf (Tanzlehrer, der auch im Film den Tanzlehrer spielte) und Artjom Voth (Hauptdarsteller; oben Rolle des Sohns), sowie die Tänzerinnen Jessika und Ellen Scherf angereist. Jessika , Ellen und Artjom werden außerdem bald in einer Show von Prosieben / Sat1 auftreten, da auch nach den Dreharbeiten der Tanz weitertrainiert wurde und inzwischen internationales Niveau erreicht hat.

Wie im „echten Kino“ wurden Süßigkeiten und Popcorn aufgefahren, die Landmannschaft erhielt für die Aufführung eine Popcornmaschine von der Volkacher Firma „Blechbau Wolf“ zur Verfügung gestellt.

Eine Wiederaufführung in Kitzingen ist laut Frau Baumann (Landmannschaft) wahrscheinlich, auch wenn diese dann wohl ohne die „Stargäste“ aus Ludwigsburg und Altenkirchen, die den Film gedreht haben, stattfinden wird.

Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland sieht sich selbst als die bundesweit größte und wichtigste Vertretung der Spätaussiedler aus Russland, die man nicht mit anderen nach Deutschland Einreisenden aus Russland verwechseln darf. Seit Ende 2011 gibt es auch in Kitzingen eine Kreis- und Ortsgruppe. Der Kitzinger Vorstand hat sich die Schwerpunkte Integration, Kinder- und Jugendarbeit, Öffentlichkeitsarbeit, soziale Betreuung, Zusammenarbeit mit Verbänden und Institutionen sowie Pflege des Brauchtums gesetzt.

Autor

Andreas Witte lebt und arbeitet seit Juni 2013 im Innopark Kitzingen. Er machte eine Lehre als KFZ-Mechatroniker in München und studierte Erneuerbare Energietechnik an der Hochschule München. Zwischenzeitig gründete er in Ismaning eine Firma für Datenanalyse und technische Betriebsführung von Photovoltaikanlagen, bevor er in Kitzingen angestellt wurde. Andreas Witte ist außerdem langjähriger Blogger auf mehreren Plattformen.

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