Aus Kitzingen:

Gutes Sonntagsessen im Bayerischen Hof – allerdings mit Verbesserungspotential

Zipferl im Rotweinsud

In Unterfranken geht man mittags früh zu Tisch. Das ist auch der Grund, warum das traditionelle Restaurant des Hotels Bayerischer Hof schon gut gefüllt ist. Aber zu dritt bekommen wir noch ohne Probleme einen kleinen Tisch. Man kümmert sich recht zügig um uns. Allerdings bekommen nur die Herren eine Speisenkarte. Etwas verstimmt frage ich nach. Leider sind alle Karten unterwegs. Nun, dann schaue ich in eine der zwei mit hinein. Die Weinkarte ist ausgesprochen gut sortiert. Das Angebot an Speisen – wie erwartet –  gut bürgerlich. Es hört sich alles sehr verführerisch an. Wir brauchen unsere Zeit um uns zu entscheiden.  Weil ich noch nie Zipflerl im Rotweinsud gegessen habe, bestelle ich sie als Vorspeise.

Rote Zipferl mit Scharzbrot

Rote Zipferl mit Schwarzbrot

Blaue und rote Zipferl sind in einem Weißwein- oder Rotweingemüsesud, der mit Essig abgeschmeckt wird, zubereitete grobe Würste, die säuerlich schmecken und mit viel gegarter Zwiebel serviert werden. Dazu darf das Schwarzbrot nicht fehlen. Schwarzbrot ist in Unterfranken ein Roggenweizenmischbrot, wobei der Roggenanteil überwiegt. Meistens ist es mit Kümmel gewürzt. Die Herren wählen Schäufele und Rindersteak. Als Hauptspeise suche ich mir die Forelle nach Art der Müllerin aus.

Schäufele mit Kloß

Schäufele mit Kloß

Schäufele ist hier ein Stück Schweineschulter, das erst im Ofen langsam gegart wird und dann zum Schluss grillt man es, um eine knusprige Schwarte servieren zu können.  Bei der Bestellung eines Steaks in Unterfranken sollte man wirklich darauf achten, dass es sich um ein Rindersteak handelt, da der gängige Sprachgebrauch mit  „Steak“ erstmal ein dünn aufgeschnittenes  Stück Fleisch, meistens vom Schwein meint. Allerdings liest man das Kleingedruckte oder achtet auf den Preis – den selbst in Unterfranken gibt es kein gutes Rindersteak unter zehn Euro –  kann man solche Missverständnisse vermeiden.  Gespannt warten wir auf das Essen. Meine Kollegen  bestellen zunächst ein Kännchen Kaffee. Ich beginne mit einem Silvaner. Der Kaffee dauert etwas, weil er frisch gebrüht wird.

Nach einer Weile kommt die Servicekraft und kündigt schon mal das bevorstehende Malheur an. Meine Vorspeise kommt zusammen mit allen Hauptspeisen. Aber einen Espresso aufs Haus würde es dafür geben. Alles ist warm bis heiß und der Kellner wirklich reumütig, so dass ich  gar nicht böse sein kann. Außerdem sind die roten Zipferl wirklich nett angerichtet.  Andreas freut sich über sein Schäufele.

Forelle Müllerinnen Art ohne Gräten

Forelle Müllerinnen Art ohne Gräten

Natürlich liegt das Schäufele in Soße neben einem großen Kloß. Als Beilage gibt es zum Schäufele noch Rotkohl. Es ist übrigens in Unterfranken keine Sache, sollte es nicht genügend Soße auf dem Teller geben, einfach nach einem Nachschlag zu verlangen. „Der Kloß muss schwimmen“ so der Unterfranke. Der Kloß ist bisher der beste, den Andreas je in Kitzingen gegessen hat. Das Schäufele zart. Man kann es auseinanderreißen, was nötig ist, da die Messer mal wieder geschliffen gehören. Am Ende fällt für mich noch die knusprige Schwarte ab, die ich sehr gerne esse, hatte ich doch mit der Forelle das kalorienärmste Gericht.  Das Rotkraut ist gut.

Schäufele mit knuspriger Schwarte

Schäufele mit knuspriger Schwarte

Meine Forelle kommt mit Dampfkartoffeln. Die Kartoffeln sind so „na ja“, was aber an der Sorte liegen kann. Die Forelle dafür aber fantastisch. Was ich nicht erwartet hatte, dass sie ohne Gräten serviert wird. Das ist eine sehr erfreuliche Überraschung.

Der selbst angerichtete Salat

Der selbst angerichtete Salat

Alex hatte sich schon vor dem Hauptgang am Salatbuffet seinen Beilagensalat zusammengestellt. Auch ein selbst drapierter Salat macht dieses Mischmasch von eingelegten und frischen Salaten zu keinem Augenschmaus. Mögen die Dressings auch gut sein, ich persönlich habe da gern auch was fürs Auge. Auch ist es schwierig eine passende Wahl zwischen schon durchgeweichten Gurken, saurem Gemüse, Dosenmais und dem dazu passenden Dressing zu treffen. Und Dosenmais geht ja eigentlich gar nicht. Es passt nicht wirklich zu der doch sehr geschmackvoll präsentierten Vorspeise auf dem Schiefer. Vielleicht ist es noch der Tribut an die älteren Stammgäste, die das einfach so mögen. Aber Alex ist durch den Geschmack überzeugt, obwohl er zu Anfang recht kritisch war.

Steak vom Rind unter Kruste

Steak vom Rind unter Kruste

Allerdings ist er vom Anblick seines Steaks sehr enttäuscht.  Wir auch. Ist es doch preislich gesehen, dass teuerste. Es ist medium, wie bestellt. Es schmeckt richtig gut. Leider hat dem Koch beim Servieren scheinbar jede Inspiration gefehlt.  Auch die Beilage ist eher lieblos  als gebratener Kloß oder aber mit viel Fantasie als Kartoffelpuffer zu erkennen. Nicht schön. Das ist sehr schade, da es geschmacklich wirklich richtig toll ist. Das Fleisch ist zart und zergeht auf der Zunge.

Das Fleisch ist auf den Punkt genau und zart

Das Fleisch ist auf den Punkt genau und zart

Als Nachtisch wollen wir uns die Apfelküchle mit Vanilleeis teilen. Apfelküchle sind eine typische Nachspeise für unsere Gegend. Es handelt sich um Apfelscheiben,  die in einen Eiermehlmilchteig gewendet, frittiert, in Zucker gewälzt und anschließend heiß serviert werden.  Dem Koch stehen unendlich viele Variationen zur Verfügung. Leider werden die Küchle altmodisch dargeboten.  Dafür ist die Sahne selbstgemacht und unglaublich frisch und lecker. Auch das ist noch ausbaufähig. Meinen Espresso hat der Kellner nicht vergessen und dieser ist heiß und lecker.

Apfelküchle mit Vanilleeis

Apfelküchle mit Vanilleeis

Im Großen und Ganzem waren wir sehr zufrieden. Allerdings steckt im Bayerischen Hof noch viel Potential. Der Anfang mit dem sehr modernen Anrichten der Vorspeise ist schon gemacht. Jetzt muss der Chefkoch noch genug Muße finden, und die anderen traditionellen Gerichte äußerlich ein wenig aufpeppen. Natürlich ist es eine Gratwanderung, da man gerade auch den älteren Stammgästen  recht machen will. Aber im Moment ist es einfach zu sehr Kompromiss und zu sehr 80-iger. Und eine Retrokneipe möchte das Hotel bestimmt nicht sein, zumal die Inneneinrichtung zeitlos rustikal ist. Gerade Details wie der eingravierte Hotelname auf den Kaffeekännchen und das schöne alte Besteck sind selten zu finden und machen sehr viel Atmosphäre.

Von anderen Gästen erfahren wir, dass das Schnitzel mit hausgemachtem fränkischen Kartoffelsalat ein Traum ist.

Preislich gesehen hat der Bayerische Hof ein hervorragendes Preisleitungsverhältnis. Das Personal ist gut ausgebildet, freundlich und kompetent.

Gegessen wurde im Hotel Bayerischer Hof | Herrnstr. 2 | 97318 Kitzingen

Noch mehr Gastrokritik finden sie hier.

Autor

Beate Kesper, Diplom Braumeisterin, studierte Brauerei- und Getränketechnologie in Berlin und München. Sie ist gelernte Brauerin und Mälzerin und über Umwege in ein “fachfremdes” Betätigungsfeld geraten: Sie ist Buchautorin, Bloggerin, Mitgründerin und Chefredakteurin der freien Onlinezeitung Mein Kitzingen.de. Seit 2012 ist sie Vorstandsvorsitzende der gemeinnützigen Stiftung für Erziehung, Bildung, Wissenschaft und Kultur (EBWK), die sich primär auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung engagiert. In Kitzingen hat sie die Psychosoziale-Beratungsstelle der EBWK ins Leben gerufen. Sie ist im Vorstand der Vereins 42e.V., der sich für politische Bildung in der neuen digitalen Gesellschaft einsetzt. Als engagierte Verfechterin für Bürgerrechte und Transparenz sieht sie es als fast logische Konsequenz eine freie Plattform für Bürger auf kommunaler Ebene zu schaffen. Kitzingen ist seit fast 12 Jahren ihre Wahlheimat, für die sie sich engagieren möchte.

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