Aus Kitzingen:

Erdbeben in Nepal – Die doppelte Katastrophe

Unsere Redakteurin Beate Kesper aus Kitzingen war vor 2 Wochen noch selbst in Kathmandu (Nepal) und ist zum Glück von der seismischen Katastrophe verfehlt worden. Wie sie selbst die Naturkatastrophe sieht und die Lage einschätzt lesen Sie hier:

Warum gerade jetzt. Nepal hatte sich gerade etwas erholt. Erholt? Von was denn? Kennen wir Nepal eigentlich nur durch die Nennung des Mount Everests. Nepal hat ein wenig Luft geholt nach dem Bürgerkrieg, der Armut und der Bedeutungslosigkeit im internationalen Geschehen. Im August 2014 hat der indische Premierminister Modi Narendra Nepal zum gleichwertigen Partner Indiens erklärt. Vorher war das Verhältnis nett ausgedrückt: eher gespannt. Er bestätigte Nepal als Geburtsort Buddhas und sagte Hilfe in Form von Krediten zum Aufbau neuer Infrastruktur und Kraftwerken zu. So könnte Nepal durch den Verkauf von Energie an Indien ein wohlhabendes Land werden.

Stromleitungen in Katmandu

Stromleitungen in Katmandu

Die Rückschläge durch die Unfälle während der Trekkingtouren im letzten August sind schon fast vergessen und Nepal will zukünftig besser auf die Touristen achtgeben, sind sie doch eine wichtige Einnahmequelle. Trekkingpfade sind in diesem Jahr zusätzlich gesichert worden.

Eine großzügige Nebenstraße in Kathmandu

Eine großzügige Nebenstraße in Kathmandu

Vor zwei Wochen noch bereiste ich Nepal und war positiv überrascht. Seit meinem letzten Besuch im August 2015 hat sich schon viel verändert. Nach der Monsunzeit begann das allgemeine Bauen. So war es immer schon. Durch die Wassermassen werden sehr viele Landstriche quasi neu gestaltet. Viele der traditionellen Häuser aus Lehm werden ausgebessert. Mauern neu aufgebaut. Aber in diesem Jahr gab es unglaublich viele Neubauten. Es wurden Häuser aus Ziegel oder Zement gebaut. Es sah nach Wohlstand aus.

Neue Gebäude und viele Bautätigkeiten in Nepal nach der Regenzeit

Neue Gebäude und viele Bautätigkeiten in Nepal nach der Regenzeit

Rolf Schmelzer, mein journalistischer Reisebegleiter und ich freuten uns sehr über diese Entwicklung. Es tat sich was. Sogar der Prithvi Rajmarg, der am Trischuli River entlanglaufende Highway von Katmandu nach Pokhara , ist teilweise ausgebaut worden als Vorbereitung für den Aufschwung.

Großer Bagger in Katmandu

Großer Bagger in Katmandu

Der Bürgerkrieg ist nun seit einigen Jahren vorbei. Er zerstörte das Land von 1996 bis 2006. Hat es einfach geschwächt. Seit dem Ende gibt es eine mehr oder weniger stabile Übergangsregierung in der parlamentarischen Bundesrepublik Nepal.

Als Tourist vermutet man das nicht unbedingt. Es sei denn, man wird in seiner wohlverdienten Erholung gestört. In diesem Jahr wurde zum 8. April ein Generalstreik angekündigt. Am 8. April 2006 gab es einen Aufruf zu Massenprotesten, die den Bürgerkrieg beendeten. An diesem historischen Tag hatten die Oppositionsparteien, angeführt durch die Maoisten, erneut zu Protesten aufgerufen. Etwas hemdsärmelig ausgedrückt, wollte man auf die miesere politische Lage des Landes, das unter einer starken Korruption leidet, aufmerksam machen und die Regierungspartei dazu zu zwingen eine Regierung unter der Führung der Maoisten zu bilden. Selbstverständlich ohne neue Wahlen. Dann kam es aber anders als geplant: Die Kundgebungen wurden einfach nicht besucht. Man blieb, der ständigen Bevormundung müde, einfach zuhause und wartete auf das Ende der Bandhas, wie die Streiks in Nepal genannt werden. Nepal stand zwar still, das kann ich bezeugen, ich habe in einer Karawane von Touristenbussen gesessen und hatte ein ungutes Gefühl beim Anblick des leeren Highways, aber die Massenproteste blieben aus. Schon am Abend des ersten Tages beendeten die Organisatoren die Bandhas. Sie gaben an, bereit zu sein, sich mit der Regierungspartei zu beraten, und einen Mehrheitsbeschluss für das weitere Vorgehen zu akzeptieren. Das war ein unmissverständliches Zeichen. Das nennt man Demokratie. Der Startschuss für geregelte und stabile Verhältnisse. Die Grundlage für internationale Investoren. Ein großartiger Hoffnungsgeber für das ganze Land.

Das sind Gründe, warum das Erdbeben eine doppelte Katastrophe ist.

Wir möchten hier auf einen Bodycount verzichten. Es spielt keine Rolle, ob am Ende 200, 400 oder 1000 Menschen durch das Erdbeben gestorben sind. Es spielt keine Rolle, welche Nationalität sie hatten. Jeder Tote ist beklagenswert. Wir möchten auf Katastrophenbilder verzichten. Natürlich sind etliche Gebäude des Weltkulturerbes zerstört. Das ist nicht mehr zu ändern. Man sollte den Tatsachen ins Auge sehen: Nepal ist ein Entwicklungsland. Die Wahrscheinlichkeit in Nepal an den Folgen einer Naturkatastrophe zu sterben ist sehr hoch. Auch ohne Erdbeben ist die ärztliche Versorgung nicht zufriedenstellend.

Öffentlicher Brunnen in Baktapur

Öffentlicher Brunnen in Baktapur

Aus Deutschland ist Hilfe unterwegs. Nepal ist ohne Zwischenstopp ca. 13 Flugstunden entfernt. Katmandu ist der einzige internationale Flughafen, der größere Maschinen bedienen kann. Dann müssen die Hilfskräfte noch zu den Bedürftigen gelangen. Reisen ist auch schon ohne Trümmer, dem Erdbeben-Chaos und großer Spalten in Straßen zeitaufwendig. Für viele wird die Hilfe einfach zu spät kommen. Auch sind das Militär und sonstige Hilfskräfte nicht gut organisiert. Für die meisten sind Wasser und Strom in Katmandu nicht direkt zugänglich. Die Versorgung läuft über öffentliche Brunnen oder Wasserlaster.

Selbstgebaute Pumpe für das Grundwasser

Selbstgebaute Pumpe für das Grundwasser

Andererseits sind die Menschen in Nepal es gewohnt mit Mangel umzugehen. Jeder Haushalt verfügt über Kerzen. Gekocht wird am offenen Feuer oder mit Gas aus Flaschen. Die meisten werden sich zu helfen wissen. Hoffentlich. Und Hoffentlich vergessen die nepalesischen Politiker in dieser Zeit ihre hehren Ziele nicht. Hoffentlich wirft diese Katastrophe Nepal nicht um Jahre zurück. Hoffentlich spenden Sie alle, damit Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen (https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/spende) gute Arbeit leisten können. Und hoffentlich meldet sich mein vor Ort lebender journalistischer Begleiter Rolf Schmelzer bald, damit ich weiß, dass es ihm gut geht.

Autor

Beate Kesper, Diplom Braumeisterin, studierte Brauerei- und Getränketechnologie in Berlin und München. Sie ist gelernte Brauerin und Mälzerin und über Umwege in ein “fachfremdes” Betätigungsfeld geraten: Sie ist Buchautorin, Bloggerin, Mitgründerin und Chefredakteurin der freien Onlinezeitung Mein Kitzingen.de. Seit 2012 ist sie Vorstandsvorsitzende der gemeinnützigen Stiftung für Erziehung, Bildung, Wissenschaft und Kultur (EBWK), die sich primär auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung engagiert. In Kitzingen hat sie die Psychosoziale-Beratungsstelle der EBWK ins Leben gerufen. Sie ist im Vorstand der Vereins 42e.V., der sich für politische Bildung in der neuen digitalen Gesellschaft einsetzt. Als engagierte Verfechterin für Bürgerrechte und Transparenz sieht sie es als fast logische Konsequenz eine freie Plattform für Bürger auf kommunaler Ebene zu schaffen. Kitzingen ist seit fast 12 Jahren ihre Wahlheimat, für die sie sich engagieren möchte.

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